Der Himmel über Berlin – sie sind hier …

John Strelecky: Wiedersehen im Café am Rande der Welt, Spiegel dtv Premium, München 2016.

Es gibt sie – Bücher, die sie auf den ersten Blick einfach in den Bann ziehen. Bücher, denen eine fast magische Anziehungskraft innewohnt. Sei es durch die Aufmachung des Umschlages, wegen einer Passage, auf die Ihre Augen „zufällig“ gefallen sind, oder durch ein manchmal winziges unaffälliges Detail, welches ihre Gedanken und Sinne erst später nachhaltig prägt und beeinflusst. Oder ein Buch fällt einfach nur schicksalshaft vor Ihnen auf den Boden oder gleitet in Ihre Hände. Es gibt so viele Wege, wie Bücher unsere Wahrnehmung, unsere Aufmerksamkeit auf die Dinge des Lebens in magischer Art und Weise lenken und steuern können.

20160524_181811

Es ist Dienstag, der 24.5. 2016, und ich sitze am Alexanderplatz in Berlin im Balzac Coffee. Direkt vor zieht mich mit seinen Blicken ein auf einem Motorrad sitzender „Schutzengel“ in den Bann und lässt meine Erinnerung an den bereits klassischen Film „Der Himmel  über Berlin“ wach werden. Berlin hat für mich immer noch einen unwiderstehlichen Zauber, obwohl ich in dieser Stadt bereits zum vierten Mal bin.

20160524_203559

Nun sitze ich hier, in diesem „Schutzengel-Café“ und lese Streleckys Buch über den Sinn des Lebens. Dabei halte ich gedanklich Rückschau auf die grundlegenden Änderungen, die seit Anfang des neuen Jahres in meinem Leben stattgefunden haben und stelle mir immer wieder die im Buch stehende Frage: „Warum bist du hier?“ Ein reiner Zufall? Nein, ich spüre ganz intuitiv, dass ich mir genau dieses Buch kaufen sollte und dass die unter dem Schutzengellogo stehende Frage ganz persönlich an mich gerichtet ist: „Wer bist du?“

Balzac coffee -logo

Blicke ich dabei auf meine eigene individuelle Vergangenheit zurück, passt alles erschreckend perfekt ineinander. Ich bin nicht nur wegen der Verbesserung meiner Deutschkenntnisse nach Berlin gekommen, sondern auch wegen der Sinnsuche meines Lebens. Ich stelle mir diese Frage nämlich seit meiner Operation  im Januar immer mehr. Manchmal bewusst, manchmal unter Zeitdruck, weil mein Leben seit letzten Monaten dem eines schnell ausgeschossenen Pfeiles ähnelt.

Ich bekomme eine Gänzehaut und zittere beim Gedanken, wie die einzelnen Teile meines Lebensmosaiks sich so derart passgenau in ein Großes und Ganzes zusammenfügen. Und ich zittere vor Erwartung, vor dem, was alles noch kommen mag. Ich spüre, dass Dinge bereits ihren Lauf genommen haben. Meine Teilnahme am „Kurandera-Seminar“ war der letzte Beschleunigungsakt dieser sich immer schneller drehenden Spirale. „Wir werden geführt.“ Es gibt keine Zufälle. Wir sind nur scheinbar ein passives Opfer des Schicksals, welches uns mit bestimmten Umstände konfrontiert.

„Warum passiert gerade mir das, was ich erlebe?“ Warum fühle ich mich einsam inmitten einer von Menschen überfüllten Großstadt? Berlin hat fast 3,5 Millionen Einwohner, aber ich weine fast vor innerer Einsamkeit und Unsicherheit. Warum bin ich eigentlich hier? Und warum gerade hier diese sonderbaren Gefühlsausbrüche? Ich hoffe, dass ich auf all diese Fragen früher oder später eine Antwort erhalten werde und überlasse den individuellen Zeitpunkt für die richtige Antwort einmal mehr dem Schicksal.

Aber bereits durch dass bewusste Stellen dieser Frage fühle ich, dem Begreifen der Antwort auf diese Frage einen Schritt näher zu sein 🙂 An mir vorbei strömen Hunderte von fremden Menschen, die ich nicht einmal beim Namen kenne und mit denen es auf der bewussten Ebene keinerlei persönliche Beziehung gibt. Und trotzdem fühle ich mich mit all diesen Menschen als Teil eines eines Großen und Ganzen verbunden und glaube fest daran, dass in diesem Kosmos jeder Mensch mit einer speziellen Aufgabe betraut wurde, die uns letztendlich alle verbindet.

Ich glaube daran, dass ich im richtigen Moment auf den richtigen Menschen treffen werde, der die Antworten auf meine derzeitigen Fragen kennt. Oder mir weitere Indizien in Hände gibt …Das ich letztendlich meine Fragen irgendwann beantwortet bekomme, davon bin ich überzeugt. Es kann jedenfalls kein Zufall sein, dass ich, während ich mir genau diese Fragen stelle, in einem Cafe sitze, in dem über mir ein Schutzengel wacht und Augenzeuge meiner Fragestellungen wird. Ich befinde mich in Berlin in einem traumhaften Zustand, der Entschleunigung. Das ist eine neue Erfahrung für mich, die mir aus meinem hektischen „Großstadtleben“ in Prag kaum bekannt ist.

Ich gebe zu, eine für mich ungewohnte und sehr gewöhnungsbedürftige Erfahrung, aber ich bin diesem Moment der Erweiterung von Erfahrungshorizonten sehr dankbar. Es scheint ein Zeichen meiner neuen Lebensetappe zu sein. Ich gebe lieber alle meine falschen Erwartungen auf und öffne mich neuen Möglichkeiten. Und ich brauche Plätze, an denen ich die Nähe meiner Schutzengel intensiv spüren kann… Deswegen bin ich jetzt hier. Es geschehe, was solle!

20160525_185045

 

gabi.nacarova@seznam.cz

Jsem expert na němčinu, která je mou vášní; se mnou budete němčinu a Německo milovat a komunikace se stane zábavou :-) Více informací naleznete zde >>

Komentáře